DEUTSCH
Attila Wittmer greift mit seinen Zeichnungen ein immer wiederkehrendes Sujet in der Kunstgeschichte auf: Der menschliche Kopf. Ob Gustave Courbets an „Wahnsinn" grenzendes Selbstporträt, Raoul Hausmanns dadaistische Gesichtscollagen, Picassos dekonstruierte und Francis Bacons deformierte Häupter oder George Condos fratzenhafte Gesichter – es besteht eine nicht zu leugnende künstlerische Notwendigkeit, sich mit ihm stets aufs neue auseinander zu setzen. Wittmer tut dies mit einer kindlich-naiven Ästhetik und lässt so seine Porträts zwischen Heiterkeit und Unbehagen oszillieren. Seine Zeichnungen wirken skizzenhaft, schnell, flüchtig und sind dennoch intensiv, direkt und forcierend. Zeichnen ist für ihn kein Kalkül, sondern ein Akt der Entladung und Selbstbegegnung. Ähnlich wie ein Michelangelo Pistoletto, der uns in seinen Spiegelarbeiten gleichzeitig zum Betrachter und Darsteller macht, treibt Wittmer ein Spiel um die eigene Wiedererkennbarkeit mit uns. Für ihn ist der Kopf ein neuroanatomischer Kosmos. Seine Bilder könnten dem Skizzenbuch eines Psychoanalytikers entsprungen sein. Sie zeigen das Echo einer Gesellschaft, die nicht mehr zuhört, sondern nur noch sendet.
In seinen Installationen spielt Wittmer gerne mit Klischees und romantischer Verklärung. Für die Arbeit Drive, die 2025 im Museum Sankturbanhof gezeigt wurde, besprühte er zwei gebrauchte Motorhauben mit den Markenbegriffen Cadillac Fleetwood und Ford Mustang. Per Grafitti machte er so aus einem Volvo eine Luxuslimousine und aus einem Suzuki einen Sportwagen. Auf diese Weise ironisiert er Statussymbole unserer Zeit, in der nicht die Wirklichkeit zählt, sondern das reine Wunschdenken ausreicht. Für seine Installation Only You, die 2025 Teil der Ausstellung Love in der Kunsthalle Luzern war, besprühte Wittmer alte, gesprungene, vergilbte und ausgebleichte Leuchtreklameschilder mit ebendieser Phrase und stellt damit die Frage nach der Gültigkeit solcher Liebesbekundungen.
Dirk Lehr, Publizist und Kunstsammler (Berlin 2026)
ENGLISCH
Attila Wittmer's drawings address a recurring theme in art history: the human head. Whether Gustave Courbet's self-portrait bordering on madness, Raoul Hausmann's Dadaist face collages, Picasso's deconstructed and Francis Bacon's deformed heads, or George Condo's grotesque faces—there is an undeniable artistic necessity to continually engage with it. Wittmer does so with a childlike, naive aesthetic, allowing his portraits to oscillate between joy and unease. His drawings appear sketchy, quick, and fleeting, yet they are intense, direct, and compelling. For him, drawing is not a calculation, but an act of release and self-encounter. Much like Michelangelo Pistoletto, who in his mirror works simultaneously makes us the viewer and performer, Wittmer plays a game with us about our own recognizability. For him, the head is a neuroanatomical cosmos. His paintings could have come from the sketchbook of a psychoanalyst. They show the echo of a society that no longer listens, but only transmits.
In his installations, Wittmer enjoys playing with clichés and romantic idealization. For his work "Drive," shown at the Museum Sankturbanhof in 2025, he spray-painted two used car hoods with the brand names Cadillac Fleetwood and Ford Mustang. Through graffiti, he transformed a Volvo into a luxury limousine and a Suzuki into a sports car. In this way, he satirizes status symbols of our time, in which reality doesn't count, but mere wishful thinking suffices. For his installation "Only You," which was part of the "Love" exhibition at the Kunsthalle Luzern in 2025, Wittmer spray-painted old, cracked, yellowed, and faded neon signs with that very phrase, thus questioning the validity of such declarations of love.
Dirk Lehr, publicist and art collector (Berlin 2026)